In diesem Artikel möchte ich dir das Thema „Zucker macht süchtig“ gerne wissenschaftlich fundiert, erläutern. Du erfährst dabei, welche Aussagen wahr sind sowie welche Aussagen falsch interpretiert wurden.

TL;DR (Too long; didn’t read) – für die Personen mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne:
“There is no support from the human literature for the hypothesis that sucrose may be physically addictive or that addiction to sugar plays a role in eating disorders.”

“We find little evidence to support sugar addiction in humans, and findings from the animal literature suggest that addiction-like behaviours, such as bingeing, occur only in the context of intermittent access to sugar. These behaviours likely arise from intermittent access to sweet tasting or highly palatable foods, not the neurochemical effects of sugar.”

“The general population often reports food cravings, particularly for palatable foods like chocolate. However, these cravings differ from drug cravings in terms of their intensity, their reported frequency and/or their duration”

Sprich es gibt keine unterstützende Belege für die Hypothese, dass Zucker körperlich süchtig macht! Zucker hat mehr etwas mit Vergnügen und einer Dopamin Ausschüttung zu tun als mit Drogensucht! ENDE der Fahnenstange!

Quellen:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27372453
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20056521

Intro
Sicherlich, Zucker ist lecker und lässt die Ausschüttung von Dopamin im Nucleus accumbens (Gehirnareal für Motivation & Belohnung) zur Folge haben.

Doch was steckt wirklich dahinter?
Ein interessantes Thema, da einige Forscher ,,Food Addiction‘‘ (Lebensmittelsucht) als ursächlichen Faktor für Fettleibigkeit sehen. Der Grund sei chronisches, übermäßiges Essen. Das Konzept der Esssucht ist umstritten!
Die Zuckersuchthypothese kommt hauptsächlich aus dem Tierversuch und hier haben Tiere, die geil auf Zucker waren (suchtähnliches Verhalten) auch leider nur vorrübergehend Zugang gehabt zu Zucker (man will, was man nicht bekommt und wenn, dann schlägt man zu). Auch haben Tiere nicht immer zugenommen (ich möchte anmerken, dass die Tiere auch Zucker anders verstoffwechseln)

Evidenz durch Reviews und Meta-Analysen (also das Studieren von Studien zum Thema) von kontrollierten Studien am Menschen unterstützen nicht, dass ein bestimmter Makronährstoff, wie Zucker, das Binge-Eating und mehr Gewicht mehr fördert als andere Nahrungsquellen

Quellen:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27001642
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/nbu.12137/abstract

Damit etwas als Sucht nach ICD-10 klassifiziert werden kann, benötigt es mind. drei Kriterien die erfüllt werden müssen:
– innerlicher Zwang zum Konsum
– Entzugserscheinungen
– Toleranzbildung
– Andere Interessen werden vernachlässigt
– Konsum trotz Wissen um bereits vorliegende Gesundheitsschäden

Alleine durch den Vergleich könnte man einordnen, ob Food-Addiction wirklich in die Suchtkategorie gehört. Viele Gruppen würden 3 Kriterien erfüllen, besonders emotionale Esser und Binge-Eater. Aber reicht das für den Begriff der Sucht?

Quelle:
http://www.suchtschweiz.ch/infos-und-fakten/substanzen-und-sucht/abhaengigkeit/

Thematik Hirn (Dopamin)
Dopamin wirkt im ventralen Striatum und kann den Drang ein Verhalten zu wiederholen verstärken. Dies passiert auch bei Sex, schönem Wetter und anderen Dingen, die uns glücklich machen. Dopamin (Belohnungs-und Motivationstrigger), welches durch gewisse Lebensmittel getriggert wird, muss durch gewissen Sensoren registriert werden, was zu Wohlfühlmomenten führt.

Ratten, die kein Dopamin bilden, können verdursten und verhungern, sie haben einfach keine Motivation für diese Dinge! Dopamin ist ein Botenstoff, der uns Dinge wiederholen lässt, da sie positiv auf uns wirken, egal ob Sex, Essen oder Achterbahnfahren. Dopamin ist Leben.

Detailierter Artikel im Bezug auf Essverhalten und Gehirnaktivitäten von Frank Taeger:
http://www.taegerfitness.de/dein-gehirn-auf-diaet/

Weiterführende Fachliteratur für Neurowissenschaften im Zusammenhang mit Ernährung:
http://www.stephanguyenet.com/thehungrybrain/
https://www.coursera.org/learn/medical-neuroscience

Macht Essen allgemein süchtig?
Es gibt viele Hypothesen, angefangen vom ,,refined food addiction model“, hier stehen verarbeitete Lebensmittel im Fokus, wie Fast-Food, welches ein ,,Overeating´´ auslösen soll, bis zur ,,salted food hypothesis“, in der salzreiche Lebensmittel als leichte Opiattrigger fungieren sollen. Aber ist das wirklich der Grund für eine Sucht?

Fast-Food wäre ein Mix aus salzreich und verarbeiteten Speisen.

Hier liegt die Beweislage eher mehr in Tierstudien. In Humanstudien gibt es auch ein paar Hinweise von Studien oder eher Anekdoten, in denen Testpersonen bei Zuckerentzug folgende Symptome berichten:
– fühlten sich deprimiert
– Zittern
– Ängstlichkeit
Aber es sind oft nur subjektive Anekdoten!

Also ist ein Lebensmittel nun mit Sucht verbunden oder nicht?
Evidenz für eine Sucht nach einem bestimmten Nährstoff ist eher rar beim Menschen. Oft liegt eine Verhaltenssucht eher vor und Esssucht ist nicht immer mit Übergewicht verbunden.

Quellen:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25205078
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23057499

Damit ein Nährstoff als süchtig machend gilt, muss eine Substanz in diesem Nährstoff sein, der uns auch süchtig macht. Einige Nährstoffe haben eine belohnende Wirkung, die aus evolutionäre Sicht Sinn macht. Diese belohnende Wirkung lässt uns nach diesem Nährstoff suchen, besonders fett- und zuckerhaltige Nahrung, die reich an Energie sind.

Niemand isst einfach mal so Zuckerwürfel, weil er angeblich Zuckersüchtig ist. Oftmals wird Zucker in Kombination mit Fett konsumiert. Sind wir also süchtig auf den Zucker oder viel eher auf den Geschmack beispielsweise eines Donuts? Somit müsste auch Fett ähnliche Signalwege stimulieren. Ist es also eine Sucht nach Zucker oder nicht viel eher eine Verhaltensstärkung?

Quelle:
http://drspencer.com/addictive-foods/

Vergleich Zucker vs. Kokain
In einer Studie an Ratten (!) haben 94% der Tiere dem Zucker anstelle von Kokain den Vorzug gegeben. NO SHIT – wenn ich die Wahl zwischen etwas, was keinen Geschmack hat und etwas was schmeckt habe, für was entscheide ich mich wohl…
Fazit: Ziemlich mieses Studiendesign

Quelle:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1931610/

Zucker als Suchtmittel?
Um was geht es hier wirklich – um ein Verhalten oder um die Sucht auf chemischer Basis?
Sind wir von der Substanz „Glukose“ und „Fruktose“ abhängig, was Haushaltszucker ja ist, obwohl unser Körper es selbst bilden kann (Glukose)? Unterdessen kommt man sogar zur Erkenntnis, dass anscheinend sogar das Hirn Fruktose herstellen kann.

Quelle:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28239653

Wenn wir Zucker als Suchtmittel darstellen, dann müsste man genau so auch Obst als solches angesehen werden. Hier wird dann immer gerne mit „dieser Zucker ist aber nicht chemisch“ argumentiert.
1. Ist ALLES auf dieser Erde zu 100% aus Chemie (mit besten Grüssen aus dem Chemieunterricht)
2. Entsteht Haushaltszucker entweder aus der Zuckerrübe oder dem Zuckerrohr – beides Pflanzen!

Pflichtlektüre bezüglich Zucker und Chemie:
http://www.mimikama.at/allgemein/gefaehrlicher-industriezucker-heute-lernen-wir-chemie/

Bei Drogen gibt es keinen Sättigungspunkt, bei Zucker hingegen gibt es eine Sukroseschwelle. Wird diese überschritten und es wird zu süss, isst man wieder weniger. Somit fällt auch eine Toleranzbildung ins Wasser, da man nicht einfach „mehr“ konsumieren will.

Quelle:
https://www.youtube.com/watch?v=BgwsNh-UklQ

Ebenfalls gibt es einen Punkt, an dem uns Dinge „zu süss“ sein können, auch hier wieder ein Indiz, dass eine Toleranzbildung nicht möglich ist. Bei Drogen wird immer mehr benötigt, um weiterhin seine Sucht befriedigen zu können.

Quellen:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/4070436
https://www.researchgate.net/publication/16319486_Cream_and_sugar_Human_preferences_for_high-fat_foods

Klar, wir nutzen Süssigkeiten auch als Selbstmedikation gegen Stress und schlechte Stimmung. Andere rücken diesen Problemen mit Sport oder Musik machen zu Leibe – ist es also eine Sucht?
Detaillierterer FB-Post über die Ermittlung von suchtähnlichen Eigenschaften:
https://goo.gl/m5xlfz

Überall ist Zucker drin – na und?
Ein typisches Argument ist, dass in vielen Lebensmittel unterdessen Zucker steckt – beispielsweise in Fertig-Müesli-Mischungen oder Fleischmarinaden.
JA, Zucker ist, neben Fett, ein Geschmacksträger, macht es ihn deshalb schlecht?
Ich als Konsument habe immer die Wahl, was ich kaufe. Warum kaufe ich statt dem Fertigmüesli nicht einfach beispielsweise eine Packung Haferflocken, Rosinen, ein paar Nüsse und mache mir damit mein eigenes Müesli? Oder warum mariniere ich mein Fleisch nicht selbst? Schmeckt erst noch viel besser!
Aber der Mensch ist von Grund auf faul und möchte sich ja nicht zu fest anstrengen. Also jammert man lieber an den Umständen statt, dass man das Problem selbst angeht.
Nicht das Produkt ist schuld sondern der Mensch, der keine Disziplin hat!

Heisshunger (Cravings)
Cravings, oft auf Schokolade, treten vielfach am Ende des weiblichen Zyklus auf, aber der Drang zu Drogen wird dadurch nicht beinflusst.

Fasten führt oft zu einer Reduktion dieser Cravings und nicht zu mehr davon, wie es das Suchtmodel vorgibt. In einer Studie wurde eine Gruppe, die fastete, befragt, ob sie ihre Cravings beschreiben und verfolgen könnten mit dem Ergebnis, dass die Cravings nach 3 Wochen fast nahezu verschwanden, auch andere Studien zeigen, dass Cravings mit Energierestriktion eher geringer werden und weniger ansteigen, was ebenso gegensätzlich zum Suchtmodel ist

Der Vergleich zu Drogen hinkt auch hier wieder, da Drogen regelmässig konsumiert werden, der Drang nach Zucker aber verschwindet. Wir essen Dinge, weil sie lecker sind und Drogensüchtige würden im Ernstfall alles nehmen. Nur weil man etwas mag, ist es noch lange keine Sucht!

Quelle:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7938255

Zuckersucht – die Fakten
Ein klares Nein zur Zuckersucht sagt die Studie von Benton, indem sie angibt, dass es keine Beweise in Humanstudien gibt, die die Hypothese das Sukrose (z.B. Haushaltszucker) süchtig macht oder Zucker eine Rolle bei der Entwicklung von Essstörungen hat. Vielmehr können andere Erkrankungen und Gefühle unser Essverhalten beeinflussen. Vielleicht ist es die Depression oder die Gefühlslage, die der Chef auslöst.

Eine weitere Studie kommt zum Ergebnis, dass es keine Nahrungsmittelabhängigkeit gibt und auch keinen Support für die Theorie der fehlenden Belohnungswirkung durch weniger Dopaminrezeptoren. Nun gibt es wohl einen Polymorphismus (veränderte Genaktivität), der für die geringere Dichte dieser Dopaminrezeptoren verantwortlich ist. Diesen Genpolymorphismus nennt man ,,Taq1A-Polymorphismus‘‘. Dieses Gen gibt an, wie dicht die Rezeptoren verteilt sind und eine Veränderung (Polymorphismus) dieses Gens kann zu weniger Rezeptoren führen. Die Software des Körpers ist auf dieses Gen bezogen klar verändert. Ein geringeres aufkommen dieser Rezeptoren erhöhen das Risiko für verschiedene Süchte (Alkohol, Nikotin, Opiate, Kokain)!

Es müsste also eine Verbindung dieser Genveränderung mit Übergewicht (hier mit dem BMI) geben aber diese Verbindung (weniger Rezeptoren und Übergewicht) ist leider nicht immer gegeben. So muss diese Genveränderung nicht der Grund für Übergewicht sein, kann aber die Dinge rund um das Gewicht erschweren. In manchen Fällen war die Rezeptordichte sogar höher bei Übergewichtigen.

Es gibt wenig Unterstützung von Humanstudien für Zuckersucht.

Quellen:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20056521
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27372453

Credits gehen an Christian Kirchhoff von der Seite „Figurwechsel“ – besten Dank für deinen genialen Post, denn ich übernehmen & ergänzen durfte – folgt ihm unbedingt, der Mann hat Ahnung!